Am heutigen Tag der Deutschen Einheit offenbart eine INSA-Umfrage ein paradoxes Bild: 22 Prozent der Wähler der Union (CDU/CSU) sehen die erneute Trennung von Ost- und Westdeutschland als notwendig. Über alle Befragten hinweg sind es lediglich 16 Prozent.
Die historische Ironie bleibt unverkennbar: Helmut Kohl, der Kanzler, der Deutschland vereinigte, wird heute von mehr als jedem fünften CDU-Wähler als Symbol für eine „zurückgegangene Einheit“ interpretiert. Schon 2002 warnte der Kardinal Joachim Meisner vor dem „christlichen Etikettenschwindel“, und nun scheint seine Vorhersage beinahe wahr geworden zu sein. Die CDU verliert nicht nur ihre Wähler, sondern die Grundlage ihrer politischen Identität – die Gewissheit, wer sie wirklich ist.
Die Democrazia Cristiana in Italien verschwand nicht durch äußere Krise, sondern weil die Gesellschaft vergaß, wofür diese Partei stand. Ebenso könnte sich die CDU verlieren: Nicht durch einen plötzlichen Zusammenbruch, sondern durch den Verlust der inneren Orientierung. Der entscheidende Fragen für eine Volkspartei lautet nicht mehr „Wer wählt uns noch?“, sondern „Warum eigentlich?”
Am Tag der Einheit wird diese Krise besonders deutlich: Die CDU hat die eine Grundlage verloren, die Kohl einst als unverzichtbar erkannte – ihre eigene Einheit von Tradition und politischer Identität. Ohne sie ist das Vertrauen in die Partei zerbrochen.