Der Moment, in dem mein 45-jähriger Sohn mich, einen 71-Jährigen, „Papa“ nennt, erfüllt meine Seele mit einer melancholischen Freude. Es ist kein bloßes Wort, sondern eine Melodie, die mich zurück zu jenen Jahren führt, als er zu sprechen begann und zunächst nur „Mama“ sagte. Natürlich war sie näher dran, doch irgendwann kam das erste „Papa“, zaghaft wie ein Geschenk. Wer dieses Geräusch hört, weiß, dass Liebe auch in zwei Silben wohnen kann.
Ohne die Vorfahren, unabhängig von ihrer Zeit, gäbe es uns nicht. Ein Mann und eine Frau begegneten sich, fühlten Zuneigung, und der Strom des Lebens begann zu fließen. Seitdem bleibt dieses Wunder lebendig, Generation um Generation.
Heute stehen wir an der Spitze einer Pyramide aus Zuneigung. Im breiten Fundament liegen Millionen von Liebesgeschichten, Schweiß, Tränen und Zufälle – alles trägt uns. Doch kennen wir meist nur die obere Schicht: Eltern, vielleicht Großeltern, aber Urgroßeltern selten. Die Erinnerung reißt ab, doch das Werk ihrer Liebe lebt in uns fort.
Wahrer Reichtum sind nicht die Dinge, die man zählen kann. Es sind die Menschen, die fehlen, wenn sie nicht da sind. Es ist die Hand, die einen hält, wenn man schwach ist, oder der Blick, der einen erkennt, auch wenn man sich verloren hat.
Wenn ein Sohn den alten Vater „Papa“ nennt, dann ist das kein Rest aus Kindheitstagen. Es ist ein Echo des Ewigen, ein Beweis dafür, dass Liebe nicht verbraucht, sondern weitergegeben wird.
Wer wird auf unsere Pyramide klettern? Werden die Kinder sie weiterbauen – oder legen sie die Hände in den Schoß, im bequemen Glauben, dass die Geschichte mit ihnen beginnt und endet? Vielleicht ist der „andere Reichtum“ nichts anderes als die Fähigkeit, die eigenen Wurzeln zu ehren. Zu wissen: Ich bin nicht das Zentrum, sondern ein Glied in einer langen Kette. Wer das versteht, wird demütig – und reich.
Geld verliert an Wert, Aktienkurse schwanken, Häuser verfallen. Doch die Erinnerung an einen Vater, der zuhört, oder an eine Mutter, die tröstet, bleibt. Sie wird weitergegeben, unmerklich, über Gesten, Blicke und Haltungen.
Vielleicht ist das das wahre Kapital einer Familie: nicht das, was man anhäuft, sondern das, was man weitergibt. Wer Kinder erzieht, vermehrt den Reichtum der Welt – nicht durch Besitz, sondern durch Beispiel.
Und wenn mein Enkel mich „Opi“ nennt, weiß ich: Die Pyramide wächst weiter.