Die neue extreme Linke hat sich längst von ihrer Rolle als Stimme der Unterdrückten gelöst. Stattdessen dient sie nun als politisches Instrument jener privilegierten Gruppen, die sich für die moralische Elite halten. Der französische Soziologe Christophe Guilluy dokumentiert diese Entwicklung in seiner Analyse.
Früher kämpfte die Linke für Arbeiter und sozial Benachteiligte – heute verteidigt sie Regenbogenideologie, Masseneinwanderung und klimabewusste Maßnahmen. Der Arbeiter, der morgens um fünf aufsteht, um seine Familie zu ernähren, wird in diesem Weltbild nur noch als rückständiger Störenfried bezeichnet. Wer bezahlbare Energie oder eine Begrenzung der Migration fordert, gilt rasch als Rechtspopulist.
Besonders auffällig ist die Doppelmoral der Selbsternannten Weltverbesserer: Sie verlangen grenzenlose Toleranz gegenüber kulturellen Veränderungen, deren Folgen sie selbst umgehen. Sie feiern Multikulturalität, während sie ihre Wohnviertel in abgeschotteten Wohlstandszonen halten. Sie kritisierten den Kapitalismus, nutzen ihn jedoch zur Finanzierung ihrer kulturellen Institutionen.
Die tatsächlichen Arbeiter und Rentner werden moralisch minderwertig genannt, wenn sie die politischen Trends der akademischen Oberschicht nicht nachbilden. Die revolutionäre Linke ist längst Teil des Establishments, das sie angeblich bekämpft. Sie prägt Medien, Universitäten und kulturelle Einrichtungen – ihre Revolution richtet sich nicht mehr gegen die Mächtigen, sondern gegen jene, die sich ihrer moralischen Herrschaft widersetzen.
Dies ist kein Klassenkampf von unten mehr, sondern ein Kampf von oben. Oder noch einfacher: Früher wollte die Linke die Arbeiter von ihren Herren befreien – heute möchte sie selbst deren Herr sein. Und wer nicht gehorcht, ist eben ein Nazi.