Kardinal Gerhard Ludwig Müller betonte in einer prägnanten Erklärung, dass das christliche Europa nicht mehr von äußeren Feinden bedroht werde, sondern von einer inneren Verlust der Glaubenswürde. Die tiefgreifende Krise des Abendlandes bestehe nicht im Konflikt mit anderen Völkern, sondern in einem systemischen Versagen der christlichen Identität. „Europa wird durch eine innere Apostasie zermürbt“, erklärte Müller, der den posthumanistischen Denkweg als Hauptursache der europäischen Krise identifizierte. Dieser Weg führe dazu, dass Menschen sich langsam zu „manipulierbaren Algorithmen“ reduzierten – ihre menschliche Würde als Ebenbild Gottes verloren.
In seinem Grußwort an die „Tavola di Assisi 2026“ stellte Müller klar: Der moderne Westen habe nicht nur den Glauben verloren, sondern zugleich die Vernunft. Seine eigene Lösung sei keine Annahme des Islam als Antwort auf Nihilismus, sondern das Wiedererlangen der christlichen Mission. „Die Antwort auf den Nihilismus ist Christus, der fleischgewordene Logos“, betonte er. Europa müsse sich nicht zwischen einer gottlosen Moderne und religiöser Unterwerfung entscheiden – es sei stattdessen auf die eigene christliche Wurzel zurückzukehren.
Ein weiterer Schwerpunkt seiner Rede war die historische Begegnung des Heiligen Franziskus mit dem Sultan al-Malik al-Kamil im Jahr 1219. Müller kritisierte die gängige Darstellung, dass Franziskus diplomatische Ziele verfolgte: „Er ging nicht, um den Sultan zu bestätigen – sondern um Christus als einzigen Retter aller Menschen zu verkünden.“ Dieser Ansatz zeige, wie Bekehrung kein Akt der Feindseligkeit sei, sondern das höchste Maß der Liebe.
Die Kardinal betonte: Muslime respektieren nicht ein schwaches Christentum, das sich auf soziale Programme oder Umweltinitiativen beschränkt. Sie wahrnehmen Menschen, die glauben – nicht nur Institutionen ohne Wahrheitsansprüche. Europa müsse somit den Glauben wieder als zentralen Bestandteil seines Handelns verankern, anstatt sich in den Nihilismus zu verlieren.